Haltestelle Flugfernkuss

 

»Lasst uns losgehen zur Haltestelle des Fernflugkusses. Vielleicht hat schon jemand einen Schlafkuss bestellt«, drängelte die Prinzessin und die drei machten sich sofort auf den Weg.

An der Haltestelle angekommen, stießen sie auf den Gestiefelten Adler, der seit einiger Zeit dort wartete. Eigentlich hätte er den Fernflugkuss nicht gebraucht, aber seitdem er diese schwarz glänzenden Stiefel trug, hatte man ihn nicht mehr fliegen sehen.
»Hallo Herr Adler, könnt Ihr uns sagen, wann der Schlafkuss kommt?«
Obwohl die Prinzessin mit dem Kürbis ausnahmsweise mal höflich gefragt hatte, rümpfte der Adler seine Hakennase und wandte sich von den dreien ab.
Diese sahen sich fragend an, denn das mit den Fahrzeiten der Kusse im Frauenland war so eine Sache. Es gab keine Fahrpläne. Immer wenn man einen Kuss brauchte, bestellte man ihn bei der Oberkussdirektion, die Inhaber sämtlicher Kusse im Frauenland war. Dort bekam man eine Zeit genannt, die im Wesentlichen mit der gewünschten Fahrtzeit übereinstimmte. Wie die das genau hinbekamen, wo es doch in der Zeitenwelt keine nennenswerten Zeiteinteilungen gab, das ist bis heute ein Rätsel geblieben. Doch die meisten Bewohner der Zeitenwelt interessierte dies gar nicht. Da ja genügend Zeit vorhanden war, hatten sie sich einfach damit abgefunden. Auch damit, dass es nicht immer klappte, denn leider war es hierbei schon zu einigen Missverständnissen gekommen. So war es üblich, sich einfach dazuzustellen, wenn schon jemand an einer Haltestelle wartete. Aber erst vor einigen Wach- und Schlafzeiten stand eine größere Gruppe von Fahrgästen eine ganze halbe Wachzeit lang an einer Haltestelle, bevor sich herausstellte, dass überhaupt niemand von ihnen einen Kuss bestellt hatte. Der Oberkussdirektion war dieses Phänomen bekannt, allerdings weigerte sie sich strikt, feste Fahrpläne einzuführen. Denn dies hätte, insbesondere wegen der kussallergiebedingten Ausfälle, unweigerlich zu Verspätungen geführt. Das wiederum war aus Sicht der Direktion unmöglich, denn Kusse hatten pünktlich zu sein. Punkt. Also: kein Fahrplan, keine Verspätung. Keine Diskussion. Die Oberkussdirektion.
»Hm«, das Wolfsfräulein zuckte mit den Schultern. »Dann warten wir.« Sie drehte sich um und sah nach einer Sitzgelegenheit.
»Nein, dafür ist ausnahmsweise mal keine Zeit. Sag schon Adler, wann kommt der nächste Kuss?«
Bei jedem ihrer Worte kam die Prinzessin dem Adler etwas näher, bis sie eine Kürbisbreite direkt vor seiner Hakennase stand.
Der Gestiefelte Adler atmete tief ein und wollte gerade seine langen braunen Schwingen großspurig öffnen, als der leise Wind, der die ganze Zeit zu spüren war, auffrischte und ein lautes Brausen zu hören war.
»Der Kuss, der Kuss«, rief das Wolfsfräulein erleichtert. Mit großem Schwung kam der Fernflugkuss über ihren Köpfen zum Stehen. Er bremste abrupt ab und senkte sich sanft herunter, bis er eine Handbreit über dem Boden schwebte.
»Wohin soll die Reise gehen?«, ertönte eine Frage.

 

 

Weiter von Salamien

 

Von Salamien aus gab es, wie schon erwähnt, verschiedene Möglichkeiten, ins Land der Schwerhaber zu kommen. Da existierte zum Beispiel ein Prototyp der Zeitmaschine auf einem mobilen provisorischen Flugplatz. Doch für dieses Transportmittel fehlte den Reisenden in Anbetracht ihrer Suche nach der Guten Menschin von Anderswo ausnahmsweise einmal Zeit. Zum anderen gab es viele Fußfernwege mit diversen ausgeschilderten Abkürzungen. Gegen diese Variante sprach jedoch die Fleisch- und Wurstintoleranz des Wolfsfräuleins. Und auch die Prinzessin mit dem Kürbis war von dem Gedanken an eine Reise zu Fuß mäßig begeistert.

Nach ausgiebigem Meinungsaustausch entschieden die drei, sich einen fliegenden Teppich zu leisten, in der Hoffnung, nicht an einen träumenden Teppich zu geraten, denn die neigten dazu, sich während eines Traumes zu verfliegen.
Der Gestiefelte Adler stand die ganze Zeit abseits der Gruppe und nestelte wieder an seinen Stiefeln herum.
»Was ist mit Euch, Herr Adler? Wollt Ihr uns ins Land der Schwerhaber begleiten?«, wandte sich das Wolfsfräulein unerwartet forsch an ihren gefiederten Bekannten.
Auf jedem der fliegenden Teppiche existierte ein großes Haus mit mehreren Zimmern. Meist waren es Zimmer erster und zweiter Klasse, Schlafzimmer für die Schlafflüge, Küchen für die Hungrigen und Toiletten für die Flugkranken mit schwacher Blase oder anderen Unpässlichkeiten.
Unsere Reisegruppe bestand nunmehr aus vier Personen, denn der Gestiefelte Adler hatte sich aufgrund der Nachfrage des Wolfsfräuleins den drei Frauen mit Freude angeschlossen. Der Abgesandte erklärte sich bereit, alle auf kürzestem Wege zum Flugplatz der fliegenden Teppiche zu bringen.
Dort angekommen, mussten sie leider feststellen, dass der Flugplatz bis auf ein paar Streikposten leer war. Die Gewerkschaft 1001-fliegender Teppich hatte spontan zu einer Arbeitsniederlegung aufgerufen. Der Abgesandte vermutete einen Zusammenhang mit dem baufälligen Zustand des Flughafengebäudes und den unzureichenden Zuweisungen an Salamirationen für die Flugbegleiter. Diese seien seit einigen Wach- und Schlafzeiten, genauer gesagt seit dem Bau einer neuen Autobahn aus Edelsalami, immer wieder ins Stocken geraten.
Zunächst war unsere kleine Reisegruppe ratlos, doch zwischenzeitlich hatte sich der Streik der Teppichflugbegleiter herumgesprochen und es kamen etliche andere Reiseanbieter zum Flugplatz, um zu sehen, ob sie nicht ein schnelles Geschäft machen könnten. Allerdings war die Auswahl an Alternativen überschaubar: Eine Zeitmaschine, die aus irgendwelchen nicht erklärbaren Gründen als erstes vor Ort war, sowie eine kleine Anzahl von fliegenden Strandmatten und Bettvorlegern.
Wenn unser ungleiches Quartett weiterwollte, blieb ihm nichts anderes übrig, als sich für einen Anbieter zu entscheiden.

 


Weiter von den Schwerhabern

 

»Dort! Das riecht gut.«

Mit diesen Worten bahnte sich die Prinzessin ihren Weg zu einem Stand, in dessen Auslage Obst und Gemüse in leuchtenden Farben drapiert waren. Da gab es Greiffrucht, Fallbeeren und Kakteenkohl.
»Hoffentlich finden wir die Gute Menschin bald. Wie es ihr wohl geht?« Das Wolfsfräulein sah nachdenklich aus. Allerdings hellte sich ihr Blick auf, sobald sich der gestiefelte Adler zu ihr gesellte.
»Wäskädäwär?« Die junge Frau hinter der Theke sah die Prinzessin fragend an, als diese an der Reihe war.
»Wäs was?«
»Wäskädäwär?« Die Frau wiederholte die Frage. Das half der Prinzessin jedoch nicht weiter.
»Was meinst du?«, die Froschkönigin war dazu getreten. »Und was ist das für eine Sprache, die du da sprichst?«
»Wäskädäwär?« Die Frau rollte mit ihren Augen.
Dann schob sich der Adler vor und zeigte auf den Kakteenkohl: »Jätäadä«, und an die Frauen gerichtet, »das ist Wähisch.«
»Was ist das für eine Sprache?« Das Wolfsfräulein sah den Adler interessiert an.
»Das ist eine etwas sonderbare Sprache. Man sagt, dass sie zuerst irgendwo in Portalien aufgetaucht sei und von Besuchern aus der anderen Welt mitgebracht wurde. Weil sie aber so gut wie niemand versteht oder gar spricht, weiß man nur sehr wenig darüber.«
»Und du sprichst diese Sprache?«

 

 

Erneut in Salamien

 

Unsere drei Frauen machten sich auf die Suche nach einer geeigneten Unterkunft. In der örtlichen Frauenherberge gab es zwar noch genügend Zimmer, aber sie war mit Betten aus Bettwurst, einer besonderen Form der Mettwurst, ausgestattet. Da sie gesehen hatten, dass es in Salamien mittlerweile auch anders ging, suchten sie weiter.
Nach einiger Zeit kamen sie zum Haus des Abgesandten des öffentlichen Nah- und Fernverkehrs in und durch Salamien hindurch.
»Seid gegrüßt!« Eine junge Frau kam mit strahlenden Augen aus dem Haus: »Ihr seid doch die Reisegruppe aus dem Frauenland?«
Froschkönigin und Prinzessin nickten zurückhaltend mit dem Kopf.
»Direkt nach eurer Abreise haben wir leider wieder eine neue Haustür benötigt«, sie drehte sich um und zeigte aufs Haus, »die hier ist jetzt aus Bronze, sie wird nicht ranzig und wird uns trotzdem nicht dauernd gestohlen.« Mit einem Lächeln sah sie die drei Frauen an und wandte sich dann an die Gute Menschin: »Ihr seid aber nicht Teil der Reisegruppe nach Natorien gewesen?«
»Nein, da hast du recht«, sagte die Gute Menschin und nickte höflich.
»Ach kommt doch herein. Es gibt noch mehr Veränderungen seit ihr zum letzten Mal hier gewesen seid.« Die Ehefrau des Abgesandten zeigte wieder aufs Haus.
Die drei folgten der Gastgeberin einen schmalen Weg entlang.
»Schau mal«, die Prinzessin deutete auf den Boden, »schade, dass unser Wolfsfräulein nicht da ist. Das hätte sie gefreut.«
Die Froschkönigin nickte und staunte, ebenso wie die anderen, über den Weg, der aus kleinen bunten Kieselsteinen bestand.
Als sich herausstellte, dass unsere Reisegruppe erst zur nächsten Wachzeit weiterreisen konnte, bot die Ehefrau ihnen ein Gästezimmer an. Auf dem Schlafzeitkonsölchen lag ein aktueller Liebesroman.
»Das ist derzeit ein großer Bestseller in Salamien«, die Gastgeberin zeigte auf das Buch, »und er soll nicht mehr das herkömmliche Mettende, sondern ein gutes Ende haben.«
Unsere Reisegruppe sah die Ehefrau verständnislos an. Sie waren nicht sehr bewandert in der Literatur Salamiens und kannten daher diese etwas eigenwilligen Mettenden nicht. Sie waren auch schon eine Besonderheit, die Liebesromane, die plötzlich endeten und für die Protagonisten nie gut ausgingen und daher bei den Lesern regelmäßig eine große Leere hinterließen. Diese wurde meist mit dem spontanen Verzehr von Mett in jeglicher Form kompensiert, was den Namen dieses Genres erklärte. Manchmal wurden, bereits kurz nach der Veröffentlichung eines neuen Liebesromans, sogar Massenbestellungen von Mettigeln registriert.