Hier entsteht die Geschichte von Lydia und Thekla

Lydia


Lydia war müde. Immer häufiger fiel es ihr schwer, die Augenlider geöffnet zu halten, und sie verlor für einen
Bruchteil einer Sekunde das Bewusstsein. Wie viele Wochen war es her, seit sie im Raum des Ruhens gewesen war? Im Raum des Ruhens, in dem sie wieder Frieden finden würde. Doch jedes Mal wenn sie nunvor der Tür dieses Raumes stand, kehrte sie um. Dabei wusste sie doch, dass der Zeitpunkt kommen würde, an dem sie diesen Schritt nicht weiter hinauszögern konnte. Der Zeitpunkt, an dem die Müdigkeit ihre Angst besiegen würde. Diese Angst, von der sie nicht mehr wusste, wann und wo sie begonnen hatte, diese Angst, die allgegenwärtig war, die an ihrem Verstand und ihren Gefühlen zerrte. Was, wenn Thekla wieder alles zerstören würde? Thekla, die ihr so fremd und doch so vertraut war. Thekla, die sie nie zu Gesichtbekommen hatte in all den Jahren. Im Laufe der Zeit spürte Lydia die zunehmende Gegenwart Theklas. Sie musste schon immer hier gewesen sein, wenn Lydia den Raum des Ruhens betreten hatte. Lydia konnte es hinterher regelrecht fühlen. Ihre Gegenwart lag aufdem alten roten Sofa in der Ecke, stand vor dem Spiegel an der Garderobe neben dem Eingang und war immer wieder zu lesen in den Gesichtern der Menschen, die dieses Haus betraten und dann wieder verließen. Niemand war bisher lange geblieben. Und Lydia war müde, sie war müde, etwas aufzubauen, was Thekla wieder zerstören würde. Sie war wieder einmal so müde, dass sie von den vertrauten Düften träumte, die sie hinter der Tür des Ruhens empfangen würden: Vanille, Zimt, frisch geschlagenes Buchenholz und … Sie musste eine Lösung finden, aber dafür brauchte sie Kraft. Kraft, die sie jetzt nicht hatte. So nahm sie
den Schlüssel, den sie an einer Kette um den Hals trug und öffnete die Tür zum Raum des Ruhens. Kaum über
die Schwelle getreten, ließ sie sich fallen und landete in tiefem Schlaf.

Thekla


Während dies geschah, verspürte Thekla einen leichten Windzug, weit draußen auf dem Friedhof. Sie überlegte
noch, wo dieser herkommen konnte, und ging langsamin seine Richtung. Einen Schritt links, einen rechts,
links, rechts und wieder links und rechts. Sie blieb stehen und sah gerade aus, direkt in Richtung der Tür. Sie konnte sie noch nicht sehen, Bäume, Büsche und Grabsteine versperrten ihr den Weg. Sie wurde schneller. Sie hörte ihren eigenen Atem. Sie spürte ihr Herz klopfen. Ihr Mund wurde trockener. Sie wurde schneller und schneller. Die Angst, vor verschlossener Tür zu stehen, begleitete sie und nahm immer mehr Raum in ihrem Kopf ein. Ihre Gedanken sprangen, setzten sich und irrten umher. Sie stand vor der Tür. Sie war weit geöffnet. Damit hatte sie nicht gerechnet und blieb abrupt stehen. Was, wenn etwas nicht stimmte? Was würde passieren, wenn sie die Tür durchschritt?

Die Tür


Doch dann passierte nichts. Sie spürte nichts beim Durchbrechen der unsichtbaren Schwelle, die sich in der Tür zum Warteraum befand. Nur der Geruch war irgendwie anders. Wärmer und angenehmer, doch gleichzeitig unbehaglich und fremd. Eine heiße Suppe und Vanillepudding kamen ihr in den Sinn. Doch davon gab es nichts im Warteraum. Sie sah sich um. Sie spürte die Gegenwart von ihr. Ja, sie musste weiblich sein, genau wie sie, davon war sie überzeugt. Und dies, obwohl sie diese andere Person nie gesehen hatte. Sie erinnerte sich an diese Tage in der Vergangenheit. Dann roch sie immer heißen Suppen, schmeckte das Salz auf den Lippen. Sie erinnerte sich an die Wärme und daran, dass alles gut war. Alle Unsicherheit, alle Angst verschwand beim Essen einer dieser Suppen. Auch jetzt noch fühlte sie sich sicher und geborgen, wenn sie Salz auf den Lippen schmeckte. Sie war nie allein gewesen. Da gab es ein anderes Mädchen, das immer bei ihr war. Doch sie konnte sich nicht erinnern, wer sie war. Immer wenn sie versuchte, sich ihr Bild in Erinnerung zu rufen, wurde ihr übel und schwindelig, und sie wischte alle schemenhaften Bilder aus ihren Gedanken.

Im Warteraum


Thekla trug noch das Kleid aus dem schwarzen Stoff, dass feucht und schwer an ihr herunterhing. Und diesen dunklen Umhang mit der Kapuze, die sie sich meist tief ins Gesicht gezogen hatte. Sie legte zuerst den Umhang ab und sah sich dann nach geeigneter Kleidung um, doch es hatte sich etwas im Warteraum verändert. Eine leichte Unsicherheit machte sich auf ihrer Haut bemerkbar. Sie konnte nicht sofort erkennen, was es war, dass bei ihr dieses Unbehagen erzeugte. Lange war sie nicht mehr hier gewesen. Viele Jahre hatte sie auf dem Friedhof verbracht und Tag um Tag gehofft, dass die Tür sich wieder öffnen würde. Doch die Tage und Wochen waren vergangen, Monat hatte sich an Monat gereiht, irgendwann hatte sie nur noch die Jahre gezählt, nein eigentlich hatte sie das Zählen schon aufgegeben. Und irgendwann hatte sie das Gefühl für die Zeit verloren, genauso wie alle anderen Gefühle, die nur noch in ihrer Erinnerung existierten. Es war nur Sehnsucht geblieben, diese Sehnsucht, die sie dazu gebracht hatte, durch die Tür zu gehen, ohne dass sie wusste, was mit ihr geschehen würde.


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